PETER PAUL RUBENS
DER TOD DES DECIUS MUS IN DER SCHLACHT
Der mitten im Kampf der Römer gegen die Latiner inszenierte Tod des Decius Mus stellt den Höhepunkt des Zyklus dar. Vor den Reihen angreifender Römer und den fliehenden Latinern lässt sich Decius Mus vom Feind mit der Lanze erstechen. Sein Schimmel bäumt sich auf, während er von dessen Rücken gleitet. Die schwierige, elegante Pose des Tieres gleicht der Levade, einer Figur aus der Dressur, die zu Rubens’ Zeit als königliche Kunstübung galt. Es handelt sich also um eine nobilitierende Pose, in der die Erhabenheit der sich im Opfertod ausdrückenden Geisteshaltung des Konsuls unterstrichen wird. Mit verklärtem Gesicht sieht Decius Mus, wie sich der Himmel über ihm öffnet und ihn die Strahlen des göttlichen Lichts als Zeichen seiner Auserwählung treffen. Der nahende Tod wird augenfällig durch sein Hinabsinken zu den am Boden liegenden, leblosen Körpern der Gefallenen. In einer Ölskizze zu diesem Bild (Madrid, Museo del Prado) hatte Rubens dem Gedanken der Auserwählung auch physische Gestalt gegeben: Ein Genius bricht aus den Wolken hervor und überbringt dem Sterbenden Lorbeerkranz und Palmzweig. Doch in dem ausgeführten Gemälde verzichtete Rubens auf diese Personifizierung des Siegeslohnes. Er inszenierte den Opfertod des Decius Mus wie den Märtyrertod eines Heiligen: Man fühlt sich an Darstellungen des Saulussturzes erinnert, in denen der Heilige vom plötzlich hervorbrechenden göttlichen Licht geblendet vom Pferd stürzt. Dieser Sturz bringt Saulus zwar nicht den Tod, aber ist Ausdruck einer entscheidenden Wendung in seinem Leben.

Der verklärte Blick zum Himmel im Moment des Sterbens ist bereits in der Antike vorbildlich formuliert worden wie etwa in der hellenistischen Skulptur des Sterbenden Alexander in Florenz (Florenz, Uffizien). Sie galt als ein "exemplum doloris", als Schule machendes Beispiel für das heldenhafte Ertragen des Schmerzes im Angesicht des Todes. Rubens verschmilzt also Christliches und Antikes sowohl im Gedankengut als auch in der Bildform. Und dies war durchaus gegenüber der katholischen Kirche zu vertreten, zumal der Kirchenvater Augustinus in seiner Schrift "De civitate dei" (V, 18) ausdrücklich das Beispiel des Decius Mus für den Christen als Vorbild herausgegriffen hatte.

Die Mittelgruppe, dieses dichten Konglomerats von ineinander verkeilten Pferden und Kämpfenden, geht in ihrem Kompositionsprinzip ebenso wie die Figur des Schimmels auf Anregungen durch Leonardo da Vinci zurück: Rubens hatte in Arezzo Gelegenheit, Lehrbücher des Leonardo zu studieren. Dessen berühmte Anghiarischlacht konnte er zwar nicht mehr im Original betrachten, da das Fresko schon kurz nach seiner Entstehung zerstört wurde. Doch sah Rubens wohl Studien zur Komposition oder Kopien nach dem ausgeführten Werk, das nun durch seine eigene Nachzeichnung (Paris, Louvre) überliefert ist. Rubens übernahm als Gestaltungsprinzip das Sich-Auftürmen von Pferdeleibern über dahingestreckten Gefallenen, die gleichsam die Basis für die Gruppe bilden. Der von aufsteigenden Diagonalen bestimmte Bildaufbau ist typisch für sein Frühwerk.
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Peter Paul Rubens
Der Tod des Decius Mus in der Schlacht, 1616/1617
Öl auf Leinwand
Höhe 289 cm, Breite 518 cm
Inv.-Nr. GE51
Provenienz: 1616 Vertrag zwischen Peter Paul Rubens und den Teppichfabrikanten Jan Raes und Frans Sweerts in Brüssel und dem Händler Franco Cattaneo aus Genua; 1661 befindet sich der Zyklus im Besitz der Maler und Sammler Carel de Witte, Gonzales Conques und Jan Baptist van Eyck in Antwerpen ("Decius Mus befragt die Haruspizien" und wahrscheinlich die "Waffentrophäe" kamen erst nach 1661 in die Gütergemeinschaft Conques – de Witte – van Eyck, beide tragen wahrscheinlich das kaiserliche Siegel), 1692 im Nachlassinventar van Eycks in Antwerpen ("Decius Mus sendet die Liktoren aus" lässt sich im Nachlassinventar nicht sicher nach- weisen); 1693 erworben durch Fürst Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein vom Händler Marcus Forchoudt in Antwerpen, Ausstellung in einem Saal des Majoratspalais Liechtenstein in der Bankgasse in Wien, 1807 bis 1945 am heutigen Standort
Weitere Exponate des Künstlers
Porträt des Jan Vermoelen (1589-1656), 1616
Porträt des Albert (1614-1657) und Nikolaus (1618-1655) Rubens, um 1626/1627
Decius Mus deutet seinen Offizieren den Traum, 1616/1617
Decius Mus befragt die Haruspizien, 1616/1617
Decius Mus weiht sich dem Tode, 1616/1617
Decius Mus sendet die Liktoren aus, 1616/1617
Die Totenfeier für Decius Mus, 1616/1617
Waffentrophäe, 1616/1617
Die Himmelfahrt Mariens, um 1637
Die Beweinung Christi, um 1612
Die Auffindung des Erichthoniusknaben, um 1616
Kopfstudie eines bärtigen Mannes, 1612
Mars und Rhea Silvia, Ölskizze, um 1616/1617
Venus vor dem Spiegel, 1614/1615
Mars und Rhea Silvia, um 1616/1617
Christus als Sieger über Tod und Sünde, 1615/1622
Satyr und Mädchen mit Früchtekorb, 1615
Porträt der Clara Serena Rubens, um 1616
Heinrich IV. ergreift die Gelegenheit Frieden zu schliessen, 1628
Der Sieg Heinrichs IV. bei Coutras, 1628
Decius Mus weiht sich dem Tod, 1616/1617
Die Totenfeier für Decius Mus
Drei musizierende Engel, auf der Rückseite der Hl. Joachim, 1615/1620
Die Heilige Katharina in den Wolken, 1620/1621
Vier musizierende Engel, auf der Rückseite die Hl. Anna, 1615/1620
Apollo im Sonnenwagen, 1621/1625
Die Bekehrung des Saulus zum Paulus, 1601/1602
Perseus und Andromeda
Die Heilige Anna schmückt Maria mit Blumen, 1609/1610
Die Aufnahme der Psyche in den Olymp, 1621
Der Teich am Wald, 1616
Allegorie auf den Krieg, 1628
Die Jagd des Meleager und der Atalante, 1628 (?)
Die Himmelfahrt Mariae, Modello, 1637
Ganymed, 1611/1612
Die Jagd der Diana, 1628
Der Heilige Franziskus vor dem Gekreuzigten, 1625
Victoria und Virtus, um 1616/1617
Porträt eines Mönches (?)
Anbetung der Weisen, 1609/1610
Die Heimsuchung, 1611/1612
Porträt des Nicolaas Rockox, 1615
Samson und Delilah, um 1610
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