FERDINAND GEORG WALDMÜLLER
DIE UNTERRICHTSSTUNDE
Ein alter Mann sitzt mit verschränkten Beinen auf einem niederen, roten Divan. Ein junges Mädchen, seine Nichte, liegt halb ausgestreckt, mit dem rechten Ellbogen auf sein Knie gestützt zu seiner Rechten. Auf den Knien des Mannes liegt ein aufgeschlagenes Buch. Mit einer aufzählenden Handbewegung scheint er dem Mädchen daraus etwas zu erklären. Aufmerksam und konzentriert hängt die junge Frau förmlich an seinen Lippen und lauscht seinen Ausführungen. Diese „Unterrichtsstunde“ spielt in einem typisch orientalischen Wohnraum, dem sogenannten „Direklik“. Ein schwerer Vorhang, der zur Seite geschoben ist, gibt den Blick auf das Meer frei, ein rot-blau gemusterter Teppich belegt den gesamten Fussboden. Auf einem runden Holztisch stehen eine Vase mit bunten Blumen und eine silberne Lavabogarnitur. Der alte Mann trägt einen mit Pelz gefütterten schwarzen Mantel über einem roten Untergewand. Ein bunt gestreifter Turban verleiht ihm, zusätzlich zu seinem langen weissen Bart, die Ausstrahlung der Würde und Gelassenheit des Alters. Neben ihm lehnt ein Stab mit einem goldenen Knauf. Seine Nichte trägt ein gestreiftes orientalisches Kleid über einer weissen Bluse mit goldenen Borten. Ihr weiss-gold gemusterter Turban wird von einer rosafarbenen Blüte geziert. Zu ihren Füssen liegt exotisches Obst - Ananas und Granatäpfel.

Die von Waldmüller festgehaltene Szene wirkt sehr geschlossen und kompositorisch ausgewogen. Viel Liebe verwendete Waldmüller zum Detail, wie etwa der zartrosa Blume am Turban, die mit der Farbe des Mantelfutters korrespondiert und sich aus dem überwiegend rötlich-bräunlichen Kolorit der Personen und des Interieurs sowie dem Blau eines schwülen Himmels deutlich abhebt. Die Unterhaltung der beiden wirkt sehr vornehm und gebildet. Die gesamte Ausstattung des Raumes sowie der Ausblick auf das Meer, begrenzt durch zwei Säulen, lassen vermuten, dass es sich um ein repräsentatives Wohnhaus direkt am Meer handelt.

Der Orientalismus des 19. Jahrhunderts gab sich ganz der Faszination des Fremden hin. Bedeutete der Orient im 17. Jahrhundert noch das gefürchtete Feindbild von Europa, so wandelte es sich bereits während der lange andauernden Friedensverhandlungen im 18. Jahrhundert zu einer Mode, die sogar bis in die europäischen Herrscherhäuser Einzug hielt. Im 19. Jahrhundert entwarf man ein Bild vom Orient, voller Klischees und Stereotypen, indem man den Orientalen vor allem Sinnlichkeit, eine gewisse Dekadenz oder den Hang zur Ausschweifung unterstellte. Man imaginierte einen Orient, der nicht mehr nur als exotische Kulisse, sondern für die orientalische Prachtentfaltung, unermesslichen Reichtum und märchenhaften Luxus stand. Ganz und gar setzt sich die hier von Waldmüller wiedergegebene Szene von diesen Klisches ab, die den alten Mann mit seiner Nichte zeigt, der ihr offensichtlich die in einem langen Leben gewonnene Weisheit weitergibt.

Dieses Bild wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem englischen Sammler gekauft, der lange Jahre Botschafter in der Türkei war und wohl eine Vorliebe für die Orientalismen dieser Epoche hatte. Das Blatt ist eine kleinere, bisher unpublizierte Version eines Gemäldes, ebenfalls 1837 datiert.
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Ferdinand Georg Waldmüller
Die Unterrichtsstunde, 1837
Öl auf Papier
Höhe 25 cm, Breite 22 cm
signiert rechts unten: Waldmüller 1837
Inv.-Nr. GR2420
Provenienz: seit ca. 1900 in englischer Privatsammlung, erworben 2005 im Londoner Kunsthandel durch Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein
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Wiedererstehen zu neuem Leben, 1852
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Rote und weisse Trauben mit Tafelsilber, 1841
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