ALESSANDRO ALGARDI
EROS UND ANTEROS
Eros und Anteros, Söhne des Mars und der Venus, bilden in der griechischen Mythologie ein Gegensatzpaar, das in der klassischen europäischen Kunst immer wieder abgebildet wurde. Von der Renaissance beginnend haben Eros für die himmlische Liebe und Anteros als Abbild der irdischen Liebe Maler und Bildhauer gleichermassen angeregt. Pfeil und Bogen sind ihre Attribute, die goldenen Pfeile des Eros für die ewige himmlische Liebe und die bleiernen des Anteros für die Vergänglichkeit der irdischen fleischlichen Lust.

Mit dieser Gruppe des Alessandro Algardi ist vor kurzem ein lang verschollenes Meisterwerk wieder aufgetaucht, das dieses Thema in überzeugender Weise darstellt. Zwei Knaben, scheinbar miteinander raufend, versinnbildlichen diese beiden Welten. Der geflügelte Anteros öffnet seinem Gegenspieler die Augen, er zieht ihm die Augenbinde, die an mehreren Stellen hinter dessen Locken verschwindet, vom Kopf.

Exzellent ist das Zusammenspiel der beiden Körper in ihrem Kampf in den antithetischen Bewegungen abgebildet. Kraftvoll stützt sich Eros mit seiner Linken vom Boden ab, in seinen angespannten Beinen kann man die ganze Energie spüren, mit der er sich gegen das Geschehen wehrt. Mit der Rechten versucht er die Hand des Anteros abzuwehren. Pfeil und Bogen der Eroten sind am Boden wie achtlos weggelegte Spielsachen drapiert.

Von den virtuos variierten Haarlocken bis zu den am Boden Halt suchenden Zehen bildet Algardi hier lebensechte Kinder ab: Die rundlichen, pausbäckigen Gesichter sind ebenso naturalistisch modelliert wie die Arme und Beine oder die Grübchen der Gesässbacken. Wir haben hier Kinder mit all ihren flüchtigen äusseren Attributen vor uns, in ihren Proportionen meisterhaft wiedergegeben und ins kostbare Material des Marmors sinnlich übersetzt.

Die Wiederentdeckung dieses verloren geglaubten Ensembles, einem der ganz raren Meisterwerke Algardis ausserhalb Italiens, ist zweifellos eine Sensation. Selbst in Italien zählen vor allem Marmorskulpturen profanen Inhalts von Alessandro Algardi – von seinen grossen Porträtbüsten abgesehen – zu ausserordentlichen Raritäten. Jahrzehnte war die Skulptur nur mehr in historischen Beschreibungen und Abbildungen präsent.
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Alessandro Algardi
Eros und Anteros, 1630
Marmor
Höhe 82,5 cm
Inv.-Nr. SK1481
Provenienz: 1670–1811 Palazzo Sampieri, Bologna 1811–1890 Eugène de Beauharnais, 1. Herzog von Leuchtenberg und Erben, Mailand, München und St. Petersburg 1884–1897 als Leihgabe der Familie Leuchtenberg an der Akademie der Künste in St. Petersburg 1897–1980 Familie Leuchtenberg versteigert in New York 1980, seither Privatbesitz 2006 erworben durch Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein
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