FERDINAND GEORG WALDMÜLLER
DIE UNTERBROCHENE WALLFAHRT
Das Thema der unterbrochenen Wallfahrt beschäftigte Waldmüller zweimal: 1853 und 1858 entstanden zwei unterschiedliche Gemälde dieses Genres.
Wallfahrten aus der Gegend um Wien auf der "Via Sacra" nach Mariazell erlebten in der Zeit des Biedermeier eine Renaissance. Chroniken erzählen, dass alljährlich am 19. August eine Wallfahrt über die "Via Sacra" nach Mariazell geführt wurde. Auf dem langen Marsch wurden unter anderem Andachten in Heiligenkreuz, Hafnerberg, Kleinmariazell und Lilienfeld gehalten.
Das für die Fürstlichen Sammlungen erworbene Gemälde aus dem Jahr 1853 zeigt eine Gruppe von Wallfahrern, die auf einem schmalen, mit Gras bewachsenen Pfad auf eine Hochebene ziehen. Sie scheinen schon einen langen Weg hinter sich, und noch einen weiten Weg vor sich zu haben. Obwohl die Sonne bereits kräftig wärmt, sind sie warm angezogen, um sich vor der kühlen Morgenluft zu schützen. Ihre Gesichter sind bereits von der warmen Vormittagssonne gerötet.
Während die nachkommenden Männer und Frauen noch ins Gebet vertieft sind, ist an der Spitze des Pilgerzuges eine Wallfahrerin erschöpft zusammengesunken. Mit der rechten Hand versucht sie sich an dem Pilgerstab zu halten, die Linke fällt entkräftet auf den Boden. Ohne schützende Unterlage sitzt sie auf dem scharfkantigen Felsen. Die Augen sind erschöpft geschlossen, ihr Gesichtsausdruck ist verzweifelt. Alle Kraft scheint aus ihrem Körper entschwunden zu sein. Zwei Frauen und ein Mann beugen sich besorgt über sie. Waldmüller stellt den Zeitpunkt unmittelbar nach dem Kollaps dar, ausgedrückt in den Gesichtern derer, die erste Hilfe leisten. Der Helfer reicht der Schwachen ein Arzneifläschchen.
Waldmüller wählt einen tief liegenden Blickpunkt und konstruiert die Gruppe zusammen mit dem Felsen zu einer Dreieckspyramide, deren Spitze die vier agierenden Personen sind. Das sanfte Hügelplateau wird vom Morgenlicht bestrahlt, das die Felsen in warmen Braun- und Ockertönen, die in das Grün der Hochebene überfliessen, modelliert. Mit beinahe impressionistischen Lichteffekten malt er Licht und Schatten, harte Felsen, die dünne, weiche Grasnabe des Felsplateaus und die spärliche Vegetation der Hochebene. Der hohe Horizont imaginiert den beschwerlichen Aufstieg der Pilger, für die junge Frau wohl zu anstrengend.
Waldmüller setzt mit dieser Szene eine Milieustudie, die einerseits die tiefe Religiosität der Landbevölkerung ausdrückt, andererseits vielleicht aber auch auf die mangelnde körperliche Konstitution bedingt durch schlechte Ernährung dieser Gesellschaftsschicht hinweist. Der Maler zeigt sich mit diesem Gemälde auf dem Höhepunkt seines malerischen Könnens. Er, dem es um das Malen unter freiem Himmel geht, zeigt hier, wie es ihm gelingt, eine extreme Lichtsituation einzufangen und wiederzugeben. Der von ihm angestrebte malerische Realismus ist an einem Höhepunkt angelangt, jeder Kopf ist eine perfekte Porträtstudie, der Fels ist wie zum Greifen modelliert. Die bei ihm oft anzutreffende Stereotypie in den Gesichtern ist in diesem Bild nirgendwo zu spüren. Diese Milieustudie ist zu den wichtigsten Bildern des Malers zu zählen.
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Ferdinand Georg Waldmüller
Die unterbrochene Wallfahrt, 1853
Öl auf parkettierter Holztafel
Höhe 46 cm, Breite 58 cm
signiert / datiert links unten: Waldmüller 1853
Inv.-Nr. GE2391
Provenienz: bis 2005 Österreichischer Privatbesitz; auktioniert im Dorotheum Wien am 30.11.2005, lot 86; 2005 erworben durch Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein
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